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Sigrid Strecker

Referentin der Stiftung Lesen

Sigrid Strecker
Die Bibliothek der Schatten
Mikkel Birkegaard,
Die Bibliothek der Schatten,
Goldmann Verlag,
ISBN: 978-3442469284,
512 S., € 9,99

Insider haben es schon immer gewusst: Die Lesefähigkeit verleiht Macht.
Doch welche Macht man über Menschen gewinnen kann, wenn man die Kunst des Lesens beherrscht, damit beschäftigt sich 510 Seiten lang die Geschichte um Luca Campelli und sein Bücherantiquariat „Libri di Luca“. Der ältere Herr hat eine Leidenschaft für Erstausgaben literarischer Werke entwickelt. In seinem altmodischen Bücherladen finden Liebhaber des gedruckten Wortes Werke aus der ganzen Welt und unterschiedlicher Genre.  Für besondere Kunden öffnet Luca seinen Buchkeller, wo sich die wertvollen Erstausgaben befinden. Ein bestimmter Kreis aus Verbündeten trifft sich dort regelmäßig und liest einander aus Werken aus vielen Jahrhunderten vor. Das ist an sich noch nichts Ungewöhnliches – Buchzirkel gibt es auf der ganzen Welt. Doch hier treffen sich Leser und Vorleser, die den Lesestoff derartig authentisch präsentieren können, dass sie ihre Zuhörer komplett in ihren Bann ziehen. Durch Vorlesen aber auch durch stilles Lesen gelingt es ihnen, in die Köpfe ihrer Zuhörer zu dringen und sie auf eine Fantasiereise in die Welt der Bücher zu entführen. Dabei verschwimmen Realität und Fiktion. Der Vorleser bestimmt die Intensität der empfangenen Bilder und Impressionen und beeinflusst dadurch die Wahrnehmung und den Willen der Zuhörer.
Die Fähigkeit des „magischen“ Lesens beherrschen nur wenige, aber der Wirkung kann sich keiner entziehen. Auch Legastheniker eignen sich als willkommenes, empfangendes Medium.
Wie man sich leicht vorstellen kann, stellt die Fähigkeit zum beeinflussenden Lesen eine Gefahr dar, die kriminelle Personengruppen für ihre subjektiven machtgierigen Zwecke ausnutzen wollen.
Es entsteht ein spannender Kampf zwischen den verantwortungsbewussten Guten und den skrupellosen, egoistischen Bösen. Dabei geraten Unschuldige in die Schusslinie zwischen literarischen Sendern (Leser) und Empfängern (Zuhörer).
Mikkel Birkegaard hat es geschafft in seinem Roman Erkenntnisse aus der Rezeptions- und Leseforschung in einem spannenden und packenden Thriller zu fassen, der gekonnt das alte Medium Buch mit dem neuen Medium Computer verbindet und für beides das jeweils Faszinierende herausstellt – vorausgesetzt man beherrscht die beiden Medien.
Ein packendes Werk in der Tradition der skandinavischen Schriftsteller geschrieben.
Lesezeit: am besten am Wochenende – schlaflose Nächte sind vorprogrammiert