Das Buch – genauer: ein äußerst dickes Taschenbuch – ist in einem gelben Schutzumschlag eingeschlagen, auf dem wie ein Romantitel in meeresblauer Schrift das Wort Strandlektüre steht. Auf die Frage nach dem Einband antwortet die Leserin, eine Studentin, die in Hamburg Germanistik studiert, dass sie den Schutzumschlag vor einigen Jahren bei Thalia gekauft habe. Sie wolle das Buch aber nicht vor dem Sand schützen. Sondern sie habe sich einfach mit dem Begriff „Strandlektüre“ identifizieren können. Denn sie liebe es, am Strand zu liegen und zu lesen. Genau das tut sie auch beziehungsweise hat sie getan, bevor ich sie unterbrochen habe. Auch die Mutter, die am Wyker Strand auf der Insel Föhr neben ihrer Tochter auf einem Badelaken liegt, liest. Am Strand bringe es einfach Spaß zu lesen, sagt sie, und fügt hinzu, als bedürfe es einer weiteren Erklärung: „Hier weht und rauscht es so schön.“ Die Mutter liest einen Roman von Sabine Kornbichler. Einen Krimi. Während sie von ihrem Buch schwärmt, überlege ich, was sich hinter dem gelben Schutzumschlag der Germanistikstudentin wohl verborgen hat. Thomas Mann? Vielleicht Der Zauberberg. Das käme vom Umfang her hin. Strandlektüre! Wenn man diesen Begriff googelt, dann kommt man schnell auf einen Eintrag unter stern.de, der sich wie ein Werbeslogan der Buchbranche liest: „Sommer, Meer und endlich Ruhe: Im Urlaub einmal abschalten und ein unterhaltsames Buch lesen – davon träumen Millionen vom Job, Haushalt und Familie erschöpfte Deutsche.“ Auch in unzähligen (Tages-) Zeitungen werden Bücher für den Sommer, manchmal explizit für den Strand empfohlen, und zwar mit solcher Inbrunst, als wäre ein kalter Winterabend vollkommen ungeeignet, um daheim auf dem Sofa liegend einfach mal drei Stunden am Stück zu lesen. Aber wie sieht es denn nun konkret aus an einem Urlaubsstrand in der Hauptsaison? Sitzen die Menschen dort und lesen? Und wenn ja, welche Menschen lesen? Nur Frauen, während die Männer mit den Söhnen Sandburgen bauen? Und was wird gelesen? Um eine Antwort auf diese Fragen zu erhalten, gehe ich an einem Augusttag, an dem tatsächlich auch die Sonne scheint, den Wyker Strand auf und wieder ab. Stundenlang. In dieser ersten Augustwoche überschneiden sich die Sommerferien aller sechzehn Bundesländer. Die Insel ist voll. Und der Strand auch. Der Wyker Strand ist auf einer Länge von ungefähr vier Kilometern fast durchgehend bewacht und in dreißig Abschnitte eingeteilt. Es gibt „normale“ Strandabschnitte für Jedermann, Hundeabschnitte für Hundebesitzer und extra Nichtraucherstrände, was eine nette Geste an alle Nichtraucher aber dennoch überflüssig ist, denn geraucht wird praktisch überhaupt nicht. Mit Ausnahme des Drachenstrandes und des Sport- und Spielstrandes sind alle Strandabschnitte zum Teil zwei-, drei- oder gar vierreihig mit Strandkörben vollgestellt. Ich beginne meine Erkundungstour am äußersten Strandabschnitt. Andere Spaziergänger suchen Muscheln, lassen ihren Blick bei Ebbe über die magische Kargheit des Watts schweifen oder zählen die Warften auf der Hallig Langeneß, die wie ein schlangenartiges, zehn Kilometer langes Seeungeheuer vor Föhr im Wasser liegt und zu schlafen scheint. Und ich? Ich suche Menschen, die lesen und lasse meinen Blick durch die Strandkorbreihen schweifen oder beobachte diejenigen, die keinen Strandkorb mehr bekommen haben oder nie vorhatten, einen zu bekommen, und stattdessen auf Badetüchern oder Strandmatten liegen. Ich muss nur wenige Meter gehen um festzustellen: Es wird gelesen. Und die Strandleser sind keineswegs die Parias unter den Strandbesuchern. Nein, es gibt sie eigentlich überall (nur am Drachenstrand und am Sport-Spiel-Strand nicht). Sie sitzen allein im Strandkorb. Sie sitzen zu zweit im Strandkorb. Manchmal sitzen zwei Leser im Strandkorb und ein Dritter sitzt mit einem aufgeschlagenen Buch auf der Fußablage. Viele sitzen da und lesen und sehen dabei so aus, als säßen sie schon seit Sonnenaufgang dort mit ihren oft voluminösen Büchern – in der Regel Taschenbücher – und sie wirken so, als dächten sie überhaupt nicht daran, vor Sonnenuntergang aufzuhören. Sollte jemand auf die Idee kommen, einen Kalender zum Thema Strandlektüre zu entwerfen, hier auf Föhr fände er an einem einzigen Tag Hunderte Motive. Die Strandkorbleser machen mir meine „Arbeit“ leicht: Denn man muss nur langsam gehen und ein wenig so tun, als suche man seine Kinder, schon kann man auf die Buchrücken gucken und sich einen Überblick darüber verschaffen, was eigentlich gelesen wird. Zwar wirken auch die Strandtuchleser, als ob sie ausschließlich zum Lesen gekommen seien, aber sie liegen in der Regel auf dem Bauch, das Buch aufgeschlagen vor sich und die Buchrücken unsichtbar für den Betrachter im weißen und auf Föhr immer sauberen Sand. Ich bin erst wenige Minuten unterwegs, als ich ein Paar entdecke, das auf mich wirkt, als sei es im Strandkorb festgewachsen. So konzentriert wird gelesen. „Entschuldigen Sie…“ Der Mann, Ende fünfzig, wirft mir einen skeptischen Blick zu. Die Frau scheint eher neugierig auf den Störenfried. „ich schreibe gerade einen Artikel zum Thema Strandlektüre und…“ Als hätte ich einen Knopf gedrückt, hellt sich die Miene des Mannes auf Und eigentlich habe ich das auch getan. Der Knopf war das Wort „Strandlektüre“. Ja, sagt der Mann, ohne dass ich ihn extra hätte fragen müssen, er lese gern am Strand, der Ian Rankin, den er gerade lese, sei sein sechstes Buch auf Föhr in knapp drei Wochen. Das ist der Auftakt zu einem halbstündigen Gespräch. Der Mann sagt, er sei Lehrer, und da genieße er die Zeit und relative Ruhe, um am Strand zu lesen. Das mit den Nebengeräuschen (spielende Kinder) sei nicht weiter schlimm, denn so ganz ohne Lärm könne man als Lehrer ja eh nicht leben. Die Frau, Diplompädagogin und ebenfalls an einer Schule tätig, nickt alles ab, was ihr Mann sagt. Der Mann liest gern Krimis, sie liest gern Biografien. Aktuell eine Furtwängler-Biografie. Zwei Bücher hätten sie von zu Hause mitgenommen, den Rest würden sie sich in der „sehr schön sortierten“ Bibliothek ausleihen. Und ja, Strandurlaub, dass sei für sie vor allem Leseurlaub. So, wie die beiden da im Strandkorb sitzen, in der ersten Reihe mit Blick auf das Meer und Sandburgen bauende Kinder, bedauert man sich ein wenig, dass es noch fünfzehn Jahre dauern wird, bis die eigenen Kinder aus dem Haus sind. Als Letztes erfahre ich, dass die beiden Strandleser aus Berlin kommen. „Da habe ich auch mal gelebt, in Moabit“ sage ich. „Da wohnen wir auch.“ „Ich war da häufig in der Buchkantine, das letzte Mal war die eine Buchhändlerin schwanger…“ „Genau, das Kind ist inzwischen gekommen.“ Ob ein Insulaner, der nach Berlin fährt, in Berlin Leseurlaub machen würde? Nein. Natürlich nicht. Es funktioniert nur in die eine Richtung. Der Städter kommt zum Lesen auf die Insel. Oder eben: an den Strand. Am besten drei Wochen lang. Ich gehe weiter und stelle fest, dass auch am Hundestrand viel gelesen wird. Die Hunde liegen neben dem Strandkorb im Sand und langweilen sich. In einem anderen Abschnitt haben zwei Jungs ihre Handtücher hinter einem Strandkorb ausgebreitet und lehnen sich an dessen Rückseite an. Und sie lesen. Als ich sie nach den Büchern frage, die ich nicht kenne (Percy Jackson), erklärt mir einer der dreizehnjährigen Zwillinge aus einer Kleinstadt in Niedersachen, worum es in den vielen Bänden gehe, und er tut es mit leuchtenden Augen. Ob sie generell viel läsen? „Nee… nur in den Ferien. Wenn es mal langweilig am Strand ist, dann lesen wir halt“, erklärt einer der Jungs. Ob auch ihre Freunde viel lesen. „Ja, eigentlich schon.“ Nun ist es gewiss nicht so, dass diese beiden Jungs (und ihre Freunde) der erfrischende Beweis für den Ausbruch einer neuartigen Lesebegeisterung unter Dreizehnjährigen sind, aber dass sie vom herrschenden Leseklima angesteckt worden sind, das ist offensichtlich. Nun kommt auch die Mutter hinzu. In ihrer Familie werde generell viel gelesen, sagt sie. Sie lese überall, und natürlich auch und erst recht am Strand. Vor allem Krimis. Stieg Larsson und Adler-Olson auch. Was an diesen Skandinavienkrimis so toll sei, frage ich. Ach, die seien so schön brutal, sagt sie. Inzwischen sitzt auch die Groß- bzw. Schwiegermutter im Strandkorb. Sie liest einen Krimi von Elizabeth Herrmann. Am Strand wird so viel gelesen, dass all diejenigen, die ständig den unmittelbar bevorstehenden Untergang des Buches beschwören, sich am Wyker Strand wie auf einem fernen Planeten fühlen würden. Aber was wird eigentlich gelesen? Nun, man kann zwar nicht behaupten, die gelesenen Bücher wären ein Abbild der SPIEGEL-Bestsellerliste, aber der Name Adler-Olson (aktuell auf den Plätzen eins und zwei) springt immer wieder ins Auge, genauso wie die Namen Stieg Larsson, Hakan Nesser, Henning Mankell und Dan Brown. (Es gibt nur einen deutschen Thriller-Autor, der mithalten kann: Frank Schätzing.) Überhaupt ist festzustellen, dass die Thrillerdichte am Wyker Strand extrem ist. Und es sind sowohl Männer als auch Frauen, die danach süchtig zu sein scheinen. Immerhin: Die Namen Dora Heldt und Charlotte Link, ausschließlich von Frauen gelesen, sieht man auch häufig. Ich selbst lese weder Thriller noch Krimis. Also gehe ich den Strand noch ein Mal entlang. Dieses Mal suche ich Menschen, die die Romane Unendlicher Spaß, 2066, Freiheit oder 1Q84 lesen. Bücher, die zu meinen prägendsten Lektüren der zurückliegenden Jahre gehören. Vor allem Freiheit und 1Q84 bieten sich an: Zwar gelten diese Romane durchaus als „anspruchsvoll“ (was allerdings ein sehr dehnbarer Begriff ist), vor allem handelt es sich aber um Romane, die die Leser glänzend unterhalten. Aber: Fehlanzeige. Niemand scheint solche Bücher am Strand lesen zu wollen. Es werden Thriller gelesen. Vor allem aus Skandinavien. Ein wenig frustriert frage ich die Buchhändler im kleinen aber feinen Buchladen bu-bu direkt an der Promenade, was sie denn empfehlen, wenn jemand explizit nach Strandlektüre frage. Das hänge vom individuellen Geschmack ab, sagen sie. Wer etwas Lustiges wolle, bekomme etwas Lustiges. Wer etwas Blutiges wolle, etwas Blutiges. Die Dame in der wirklich „sehr schön sortierten“ Bibliothek bestätigt, dass es eine geradezu extreme Nachfrage nach Thrillern gebe. Und ja, Adler-Olson und Stieg Larsson führten die Rangliste der gewünschten Autoren an. Auch Donna Leon werde viel ausgeliehen, und inzwischen wieder Harry Potter. (Am Strand hatten sich die Harry Potter – Leser allerdings gut versteckt.) Aber es würden auch sehr viele Sachbücher gewünscht, und auch Uli Stein (!) sei ungewöhnlich begehrt. Dabei habe man es gar nicht so gern, dass die Gäste die Bücher mit an den Strand nähmen. Aber man merkt der Dame an, dass sie doch zufrieden ist mit dem Publikum auf dieser Leseinsel, auf der es jedes Jahr zwischen Juni und September ein Literatursommer mit einer Fülle von Veranstaltungen gibt. Das Gefühl des Frusts weicht dann auch schnell einem Gefühl der Befriedigung. Denn am Strand wird gelesen, gelesen und gelesen. Der Wyker Strand gleicht an einigen Stellen einem gigantischen Freiluftleseraum. Und es lesen sowohl Männer als auch Frauen. Und gar nicht so selten handelt es sich bei den Männern und Frauen um Jungs und Mädchen. Es ist gut zu wissen, dass es so und nicht anders ist. Der Mensch sehnt sich auch im schnelllebigen Internetzeitalter nach Abenteuern im Kopf, wie es so schön heißt. Und der Mensch hat die Muße – vielleicht sogar das Bedürfnis – sich stundenlang mit einem Wälzer zurückzuziehen und nichts anderes zu tun als zu lesen. Der Strand scheint dafür der passende Ort zu sein. Und die Studentin? Welches Buch hat sie gelb eingeschlagen? Was ist ihre Strandlektüre? Thomas Mann? Nein. Es ist Stieg Larsson. Der zweite Teil der Millenium-Trilogie. „Aber auf Englisch!“, sagte sie, als sie meinen enttäuschten Blick sieht.